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Zurück in Lima I

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16. Oktober 1928, Lima.

Die Petroleumlampe auf meinem Schreibtisch warf zitternde Schatten auf den vergilbten Seiten des Manuskripts. Es roch nach altem Papier, Schimmel und dem allgegenwärtigen Staub, der selbst in Limas geschäftigsten Vierteln wie ein feiner Schleier auf allem lag. Draußen, in den Gassen der Stadt der Könige, hallte das ferne Rumpeln einer der neuen Straßenbahnen breiter, die Leguía so eifrig hatte bauen lassen, um seine „neue Heimat“ zu bewerben. Die Versprechungen von „Fortschritt“ und „Modernisierung“ waren so hohl wie die leeren Versprechungen der Politiker, die sie verkündeten. Ich hörte das Lachen der Verkäufer von Anticuchos, das Krächzen der Möwen vom Hafen in Callao, ein Echo der Handelsströme, die einst das Silber dieses Vizekönigreichs über die Welt verteilten. Eine scheinbar normale Nacht in einer Stadt, die sich verzweifelt an die Illusion der Zivilisation klammerte.

Ich saß da, mein Blick auf eine obskure Abhandlung über die präinkanischen Bewässerungssysteme der Moche gerichtet. Das trockene Geflecht der Worte, so kompliziert wie die Terrassenfelder in den Anden, sollte mich ablenken. Doch dann hörte ich es. Nicht von draußen, nicht vom Rumpeln der Stadt oder dem fernen Ruf des Meeres. Es kam von innen. Ein leises, kaum wahrnehmbares

Knirschen, als würde sich das Fundament der Welt langsam verschieben. Oder als würde sich die Nacht an die Tagseite der Erde reiben. Kein Wind, kein Tier, kein Mensch. Ein Geräusch, das nur ich hören konnte, das aus meinen Knochen zu kommen schien. Ein Echo der Resonanz, die ich spüre, wenn die Magie durch mich floss, aber diesmal ohne eigenes Zutun.

Ich zog die Lippen schmal an. Die Rationalität, die ich mir mühsam angeeignet hatte, forderte eine Erklärung: Ermüdung, Überarbeitung, der immerwährende Mangel an ausreichend Schlaf. Doch das Geräusch intensivierte sich, subtil, aber unerbittlich. Ein kälterer Schauer kroch mir über den Rücken. Ich schob die Notizen beiseite, das Pergament raschelte trocken. Ich stehe auf, meine Bewegungen präzise und lautlos, wie ich es über Jahre gelernt hatte. Am Fenster blickte ich hinaus auf die belebte Straße Limas. Menschen eilen durch das fahle Licht der Gaslaternen. Ein paar Fuhrwerke rumpelten vorbei. Lachen. Schreie. Das geschäftige Gewimmel des Lebens, das sich in seiner eigenen Ignoranz sonnte. Die Illusion der Normalität.

Doch dann, für einen winzigen, flüchtigen Moment, sah ich es. Die Umrisse der Kolonialgebäude, die vertrauten Formen der Dächer, das Pflaster unter meinen Füßen – alles schien für einen Herzschlag falsch zu sein. Nicht verzerrt, nicht verschwommen, sondern… unnatürlich. Als hätte die Realität selbst einen Fehler im Code. Und in diesem Moment, in der Ferne, hörte ich einen kaum wahrnehmbaren, tiefen Groll, der nicht von Donner stammte, sondern von etwas viel Älterem, das sich unter der Erdkruste regte. Ein Geräusch, das aus den Träumen der Welt kam, die zu lange geschlafen hatte. Und dann war es weg. Alles wieder normal. Bis auf das leise Knirschen in meinen Knochen. Und die Gewissheit, dass die Blase dünner wurde. Die Gewissheit, dass das, was ich wusste, nicht nur ein letzter Krieg, sondern eine Ahnung. Die Menschheit tanzte auf einem Vulkan, und ich, ich hörte das Rumoren in seinen Eingeweiden. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Eruption kam.

Meine Augen schlossen sich kurz. Ein Lächeln huschte über meine Lippen, so dünn wie die Luft hier oben in den Bergen. Es war kein Lächeln der Freude. Es war die Akzeptanz einer alten Wahrheit. Die Welt hatte ihre Lügen satt. Und ich war bereit für die Wahrheit, so grausam sie auch sein mochte. Ich war dazu verdammt, sie zu sehen.

Einwurf: Persönliche Korrespondenz

Absender: Dr. Alonso Vargas, Geologisches Institut Lima
Empfänger: Doña Isabella Cortez de la Cruz y Rivera
Datum: 20. Oktober 1928
Betreff: Dringende Angelegenheit – Nazca-Region. Diskretion vonnöten.

Liebe Doña Isabella,

Ich hoffe, diese Zeilen finden Sie bei bester Gesundheit und – falls Ihre jüngsten Feldforschungen in den Anden ähnlich „anregend“ waren wie meine eigenen – bei noch einigermaßen klarem Verstand. Ich erlaube mir, direkt zur Sache zu kommen, denn die Gelegenheit, die mich zu diesem unkonventionellen Hilferuf drängen, sind... nun ja, sie trotzen jeder Konvention.

Sie erinnern sich an mein Telegramm, jenes vielsagende Geflüster über eine „Anomalie“ und einen „Himmelskörper“ in der Nazca-Region? Was wir dort gefunden haben, übersteigt meine kühnsten, oder besser gesagt, meine schlimmsten Erwartungen. Ein Einschlag. Kein gewöhnlicher Meteorit, nicht im Entferntesten. Dieser Stein... er ist tiefschwarz, glänzt auf eine Weise, die im Sonnenlicht unnatürlich wirkt, und strahlt eine Kälte aus, die keine Temperatur misst. Wir haben versucht, Proben zu nehmen. Isabella, die Bohrer sind geschmolzen. Als wären sie von einer inneren Flamme verzehrt worden, die nicht existierte.

Und dann sind da die Geräusche. Zuerst dachte ich, es sei der Wind, oder vielleicht die Hitze, die ein Streiche spielt. Aber es ist ein subtiles Summen, ein Flüstern, das nicht aus dieser Welt stammen kann. Es klingt, als würde die Wüste selbst alte Geheimnisse enthüllen, oder als würde etwas unter der Erdkruste unruhig schlafen. Und ich habe das Gefühl, dass es mit den Linien zu tun hat. Jenen gigantischen, rätselhaften Figuren im Sand, die wir Archäologen als Kunst oder Kalender abtun. Was, wenn sie mehr sind? Was, wenn sie... Anrufungen sind? Oder noch schlimmer: Warnungen? Und was, wenn dieser Stein eine Antwort darauf ist?

Meine Kollegen hier halten mich für hysterisch. Der Regierungsbeamte, Señor Morales, spricht von einer einfachen, wenn auch großen, geologischen Kuriosität, die „unter den Teppich gekehrt“ werden muss. Aber ich spüre es, Isabella. Ich spüre, dass das etwas ganz anderes ist. Etwas Altes. Etwas, das nicht verstanden werden will. Meine geologischen Instrumente zeichnen Erschütterungen auf, die keine seismische Aktivität sein können, und meine Nerven... nun, meine Nerven sind am Ende. Ich brauche deine Hilfe, Doña Isabella. Ihre... unorthodoxen Methoden. Ihre Kenntnisse der alten Wege und jener Dinge, die sich den wissenschaftlichen Instrumenten entziehen. Ich weiß, dass Sie sich mit... solchen Phänomenen auskennen. Und ich vertraue Ihnen mehr als jedem „Experten“ hier, der nur das sehen will, was in seinen Büchern steht.

Bitte kommen Sie nach Nazca. Ich habe einen Wagen in Bereitschaft. Die Situation ist dringender, als ich in Worten fassen kann. Und Diskretion ist, wie immer, von größter Bedeutung. Ich habe einen provisorischen Zaun errichten lassen, aber ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die falschen Leute aufmerksam werden.

In größter Erwartung Ihrer Ankunft, und mit dem aufrichtigen Wunsch, dass meine Befürchtungen sich als übertrieben erweisen mögen, verbleibe ich

Ihr ergebener und besorgter Kollege,

Dr. Alonso Vargas.