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Vampir der Erde

12. August 1928, Hochland von Ayacucho.

Der Maultierpfad fraß sich heute tiefer in die Eingeweide der Anden, ein rissiger Spalt in der kalten, steinernen Haut dieses Landes. Über mir hing die Garúa, jener feuchte Nebel, der wie ein schlechter Traum von der Küste aufsteigt und hier oben, in diesen Höhen, die Sonne zu einem kranken, blassen Fleck am Himmel reduziert. Ich spürte die Kälte bis in die Knochen, eine andere Kälte als die feuchte Umarmung Limas. Eine Kälte, die von den uralten Gletschern kriecht und das Atmen zu einer bewussten Anstrengung macht, selbst für eine wie mich, die die dünne Luft von Geburt an kennt. Das Vieh, das sich an die kargen Hänge klammerte, wirkte ausgemergelt. Ihr Atem, kleine, geisterhafte Wölkchen, schien das einzige Lebenszeichen in dieser sterbenden Landschaft zu sein, die selbst zu seufzen schien unter einer Last, die älter war als die spanische Eroberung, älter als die Inka.

Die sogenannten „Einheimischen“ – ich ziehe es vor, sie die Überlebenden einer längst vergangenen Zeit zu nennen, denn ihre Gesichter trugen den gleichen Ausdruck knochigen Leids wie das Land selbst – waren kaum mehr als Silhouetten in der Dämmerung, als ich das Dorf erreichte. Ihre Häuser, grob aus Lehm und Stein gefügt, klammerten sich an den Berghang, als fürchteten sie, der Wind würde sie mit sich reißen. Ihre Blicke trugen nur das blinde, verzweifelte Flehen, so universell wie der Hunger, der ihre Mägen aushöhlte. Sie sprachen Quechua, natürlich, eine Sprache, deren gutturale Laute sich an die steinernen Hänge zu schmiegen schienen, als wollten sie dort für immer verweilen. Mein eigener Akzent, geschliffen an den Kanten alter Manuskripte und den rauen Realitäten der Straße, muss für sie fremd klingen.

Der Dorfälteste, ein Mann, dessen Gesicht so zerfurcht war wie die Terrassenfelder oberhalb des Dorfes, führte mich zu einer kleinen Hütte. Kein einziger Laut der Dankbarkeit. Nur die leise, unerträgliche Hoffnung in seinen Augen, die fast so schmerzhaft war wie die Gewissheit des nahenden Hungertodes. Er sprach von der verdorrten Ernte, von dem Vieh, das ohne ersichtlichen Grund dahinsiechte. Von einem „Schatten“, der die Lebenskraft aus dem Boden saugte. Ich kannte diese „Schatten“. Sie waren die universelle Ausrede für das, was sich der menschlichen Vernunft entzog, bevor die eigentliche Panik einsetzte. Und doch... in diesem Fall spürte ich es. Ein leises Summen in meinen Knochen, ein kaum wahrnehmbares Vibrieren, das tiefer saß als die Kälte der Höhe. Ein untrügliches Zeichen, dass hier tatsächlich etwas war, etwas, das nicht von dieser Welt stammte, aber seine giftigen Wurzeln in die Erde dieses Tals getrieben hatte.

Die nächsten Nächte waren erfüllt vom leisen Knirschen meiner Schritte auf dem ausgetrockneten Boden und dem Flüstern des Windes, der durch die Schluchten pfiff. Ich untersuchte die Felder, rissige Adern in der verhärteten Erde. Der Geruch war der von Tod und Verwesung, obwohl keine Leichen sichtbar waren, nur die vertrockneten Stümpfe einstiger Maispflanzen. Ich schob meine Hände in den Lehm, spürte die fehlende Feuchtigkeit, die abnormale Kälte, die sich nicht von der Umgebungstemperatur erklären ließ. Dieses Land war nicht nur von Dürre betroffen; es wurde ausgesaugt.

In der zweiten Nacht entdeckte ich ihn. Nicht weit vom Dorf entfernt, an einem Ort, wo die Felsen wie versteinerte Finger in den Himmel ragten, lag er. Ein alter Opferaltar. Ein massiver, grob behauener Steinblock, dessen Oberfläche von jahrhundertealten Wetternarben und den Spuren ritueller Schnitte übersät war. Ich fuhr mit den Fingern über die kalte Oberfläche, spürte die porösen Vertiefungen, die das Blut unzähliger Opfer geschluckt haben mussten. Dieser Stein hatte mehr gesehen, als menschliche Augen jemals begreifen konnten. Er war eine energetische Narbe in der Landschaft selbst, ein Punkt, an dem sich die Schleier zwischen den Welten hauchdünn auflösten. Perfekt. Das Grauen hatte sich hier eingenistet, weil es eine direkte Leitung fand. Und ich würde diese Leitung nutzen, um es zurückzuschicken.

Die restliche Zeit verbrachte ich in der klirrenden Kälte der Nächte, meine Notizbücher, die sich anfühlten wie eine zweite Haut, auf dem Altar ausgebreitet. Bei flackerndem Laternenlicht studierte ich die kryptischen Notizen meines Mentors , die Skizzen von Runenmustern und die vergilbten Papyri, die ich aus seiner Bibliothek in Lima gerettet hatte. Ich befasste mich dabei intensiv mit dem älteren Futhark, seinen 24 Runen und ihren vielschichtigen, oft widersprüchlichen Bedeutungen – von der materiellen Fülle Fehus bis zur radikalen Zerstörung Hagalaz’, von den Zyklen Jera’s bis zu den Geheimnissen Perthro’s, vom Wachstum Berkano’s bis zur unbezähmbaren Kraft Thurisaz’. Ich sprach leise vor mich hin, dechiffrierte alte Hieroglyphen, die die Namen unheiliger Entitäten flüsterten, und verglich sie mit den germanischen Futhark-Runen, deren komplexes System ich mir über Jahre hinweg angeeignet hatte. Thurisaz, murmelte ich, unbezähmbare Kraft. Ja. Hagalaz, Zerstörung. Absolut. Die Geschichten der Alten im Dorf, die ich tagsüber mit kalter Pragmatik sammelte, waren nur eine Bestätigung dessen, was die Runen und die Energie des Ortes mir bereits sagten. Es war kein Fluch. Es war ein Sog. Eine zersetzende Präsenz, die sich an die Lebenskraft des Landes klammerte, wie ein fauler Blutsauger. Und es war meine Aufgabe, es zu exorzieren. Oder zumindest, es so hart zu treten, dass es verstand, dass dieser Acker für menschliche Zwecke vorgesehen war, nicht für kosmische Parasiten.

Die Stunden der Vorbereitung zogen sich hin, in einem Rhythmus, der älter war als die Zeit selbst. Die Sternenkonstellationen, deren Anordnung ich akribisch in meinem Notizbuch verfolgte, waren von entscheidender Bedeutung. Es war ein feiner Tanz kosmischer Energien. Ich wählte die rohen Edelsteine aus, die ich bei mir trug, jeder ein gebündeltes Versprechen von Kraft und Zweck. Den Moosachat für die Suche im Land. Den Obsidian für die Konfrontation mit der verdrehten Realität. Den Grünen Jaspis für die Bindung an die Erde. Den Rauchquarz für die Barriere. Und den Schwarzen Turmalin für das Finale. Jedes Stück ein stiller Komplize in meinem Vorhaben.

Danach widmete ich mich den Opferbeuteln. Fünf kleine, grobe Lederbeutel, jeder ein magisches Arsenal für sich : die Erde des Feldes , die jeweiligen Runen-verzierten Edelsteine , eine kleine Schriftrolle mit sorgfältig kopierten Bannsprüchen und Hieroglyphen – gestohlen aus verbotenen Texten. Und die persönlichsten Opfer: ein Stück der goldenen Kette, die meiner Mutter gehört hatte – ein Preis, der schmerzte, aber notwendig war. Ein Fingernagel meiner rechten Hand, kalkig und klein, ein winziges Stück meiner eigenen Substanz. Und Periodenblut, als Symbol der verlorenen Fruchtbarkeit des Landes, aber auch als Anrufung der uralten, weiblichen Kraft, die Leben gibt und nimmt. Jeder Beutel war ein Fragment meiner Seele, ein kleiner Pakt mit dem Unaussprechlichen.

Manche nennen das Wahnsinn, dachte ich in die Dunkelheit, als die letzten Sterne hinter der Garúa verschwanden. Ich nenne es pragmatische Problemlösung.

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