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Vampir der Erde II

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15. August 1928, Hochland von Ayacucho.

Die Nacht war ein samtener Sack, den jemand über das Tal gestülpt hatte. Die Garúa lag so dicht, dass sie die Sterne verschluckte, und der Mond war nur eine blasse Erinnerung hinter der feuchten Schwere der Luft. Ich spürte die Kälte, tief und schmerzhaft, wie ein Dolchstoß, der bis ins Mark meiner Knochen reichte. Der Geruch von feuchtem Lehm, vermischt mit dem beißenden Odem des nahenden Unheils, kroch in meiner Nase. Meine Finger zucken unbewusst über die unsichtbaren Narben auf meiner Haut, ein reflexartiges Zupfen an den Fäden des Schicksals, die mich an diesen Ort banden.

Der alte Opferaltar, ein schwarzer, stummer Riese im Zentrum der faulenden Wunde in dieser Landschaft, war mein Anker. Um ihn herum hatte ich die fünf großen Lederbeutel in einem präzisen Pentagramm platziert, jeder an seinem zugewiesenen Punkt. Meine Bewegungen waren flüssig und ökonomisch, eine Choreographie, die sich über Jahre der Praxis in meine Muskeln gebrannt hatte. Keine Zögerlichkeit, keine unnötige Geste. Jeder Beutel war ein Versprechen, jeder Handgriff eine weitere Zementierung meines Willens.

Ein Hauch von Koka-Blatt-Extrakt auf den Schläfen, vermischt mit dem heiligen Wasser eines Andenbrunnens, schärfte meine Sinne. Das leichte Prickeln auf meiner Haut war das letzte Echo der physischen Welt, bevor ich abtauchte. Meine violetten Augen verengten sich zu katzenartigen Schlitzen, und ein schwaches, unheimliches Glühen pulsierte aus meinen Pupillen. Das leise Summen in meinen Knochen schwoll an, wurde zu einem tiefen, kaum wahrnehmbaren Dröhnen, das nur ich spürte – die physische Manifestation der Energie, die durch mich zu fließen begann. Ich trat über die Schwelle.

Ich nahm den ersten Beutel in die Hand, dessen Inhalt sich kalt und lebendig anfühlte. Darin lag die Erde des Feldes und die Rune Jera (ᛃ), geritzt in einen Moosachat. Jera, die Rune der Ernte und der Zyklen, sollte das verlorene Potenzial des Ackers offenbaren und die verborgene Präsenz aufspüren. Der Moosachat, mit seiner visuellen Verbindung zu Wachstum und Natur, würde die Suche im Land leiten. Meine Atmung wurde flach und schnell, jeder Atemzug eine Konzentration meines Willens. Ich intonierte einen tiefen, kehlig-gutturalen Gesang, der an die archaischen Rituale des Quechua erinnerte. Die Laute schienen sich in der feuchten Luft zu bohren, eine Melodie aus einer Zeit, als die Berge noch jung waren. Ich spürte, wie die erdgebundene Energie des Moosachats in meiner Hand pulsierte, ein Echo des Lebens, das noch immer im sterbenden Land schlummerte. Meine Augen, nun reine Schlitze aus glühendem Violett, sahen mehr als die äußere Realität. Ich durchdrang die Oberfläche, spürte die verdorbenen Wurzeln des Feldes, die unsichtbaren Kanäle, durch die das Grauen wie ein Eitergeschwür sickern musste. Ich fand es. Ein schmutziges, krabbelndes Ding, tief im verhärteten Lehm.

Manchmal muss man tief graben, um zu finden, was man zerstören will, dachte ich, meine innere Stimme rau wie die steinernen Hänge. Die Erde ist geduldig, aber ich bin es nicht.

Ich erhob den zweiten Beutel. Er enthielt die Rune Perthro (ᛈ), geritzt in einen Obsidian. Perthro, die Rune des Geheimnisses und des Unbekannten, sollte das Wesen zwingen, sich zu offenbaren. Der Obsidian, der als „Spiegelstein“ für dunkle Seiten gilt, sollte die wahren Konturen der fremden Realität enthüllen. Ich verfiel in einen monotonen, rhythmischen Tanz, meine Bewegungen waren präzise und lautlos wie die einer Raubkatze. Meine Geste schien die Energie des Pentagramms zu bilden, das ich um den Altar gelegt hatte. Ich starrte in die glänzende Oberfläche des Obsidians, der die schwachen, verzerrten Konturen des Wesens in meinem geistigen Auge widerspiegelte. Es war kein klares Bild, eher eine Ahnung von formloser Abscheulichkeit, die sich windete, als würde sie Schmerz empfinden, wenn sie dem Licht meiner Konzentration ausgesetzt wurde. Ich

Zwang es, seine Präsenz zu verfestigen, sichtbar zu werden – ein unfassbarer, schattenhafter Umriss, der sich krümmte und verzerrte. Ein Blick in den Spiegel, der dir zeigt, was du lieber nicht wüsstest.

Das Grauen liebt das Versteckspiel, dachte ich. Aber selbst ein Schatten wirft einen... naja, einen anderen Schatten, wenn das Licht richtig fällt.

Mit dem dritten Beutel kniete ich nieder und presste ihn auf den rissigen, staubigen Boden. Darin: die Rune Berkano (ᛒ), geritzt in einen Grünen Jaspis. Berkano, die Rune des Wachstums und der Mutter Erde, würde das Wesen an die elementare Kraft der Erde binden. Der Grüne Jaspis, der für Heilung und Stärke steht, würde es fest mit der Vitalität des Bodens verankern. Mein Gesang wurde zu einem leisen, beschwörenden Murmeln, das an mütterliche Lieder erinnerte, aber eine unheilvolle, zwingende Note hatte. Es war die Stimme der Erde selbst, die das verlorene Leben anklagte. Ich

Fixiert das Wesen mit der erdenden Kraft des Jaspis, band es an das Land, das es verdorben hatte, sodass es nicht entweichen konnte. Meine Narben glühten schwach auf, ein Netzwerk aus feinen, sich windenden Linien, als würde die Erde selbst durch mich atmen, ihre Wunden als Kanäle nutzen. Die violetten Schlitze meiner Augen weiteten sich kurz, als ich einen Blick in die tiefsten Wurzeln des Planeten geworfen hatte.

Manchmal muss man die Wurzeln nutzen, um den Krebs herauszureißen, dachte ich, meine innere Stimme belegt vom Staub und der Anstrengung. Das ist keine Botanikstunde.

Ich warf den vierten Beutel auf den Altar, kein sanftes Legen, sondern ein Aufprall, der in der Stille hallte. Darin bemerkte sich die Rune Thurisaz (ᚦ), geritzt in einen Rauchquarz. Thurisaz, die Rune der unkontrollierbaren Macht und Abwehr, sollte den Käfig bilden, der das Wesen einkesselte. Der Rauchquarz, der negative Energien abwehrt und Stress abbaut, würde einen undurchdringlichen Zauberstab um das gefangene Wesen bilden. Meine Stimme erhob sich zu einem scharfen, zwingenden Befehl, eine Sprache, die mehr Donner als Worte war. Ich spürte, wie die abwehrende Energie des Rauchquarzes einen Käfig um das Wesen bildete, das nun widerwillig und gequält in seine Falle zappelte. Dieses Ding, das sich anfangs unsichtbar wähnte, war nun spürbar, ein unnatürlicher Kältepunkt in der Luft, ein Zittern im unsichtbaren Gewebe der Realität. Ich habe die Höhle gefunden

Widerstand des Wesens, seinen wütenden, verzweifelten Versuch, sich zu befreien. Die Runen auf meiner Haut pulsierten nun stärker, ein stechender Schmerz, als würde jeder Ader ein eigenes, glühendes Leben führen.

Ein wenig Chaos braucht man immer, um das größere Chaos zu kontrollieren, dachte ich, meine innere Stimme trocken wie alter Wüstensand. Frage nicht nach der Logik, nur nach dem Ergebnis.

Mit dem fünften Beutel vollzog ich die letzte, entscheidende Geste. Meine Hand zitterte nicht, als ich den Beutel mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung auf den Altar zerschlug. Darin: die Rune Hagalaz (ᚺ), geritzt in einen Schwarzen Turmalin. Hagalaz, die Rune der radikalen Zerstörung und Umwälzung. Der Schwarze Turmalin, ein stärkerer Schutzstein, der negative Energien abwehrt und reinigt, sollte die absolute Vernichtung und Neutralisierung der Energie des Wesens symbolisieren. Die Rune und der Edelstein klirrten auf dem Stein, ein scharfer, unheilvoller Klang. Mein Zauberwort – das gutturale, kehlig-gutturale „Ñaka Mayu!“ – wurde zu einem markerschütternden Schrei, der die Stille zerriss und die feuchte Garúa zum Vibrieren brachte. Meine violetten Augen glühten in einem intensiven, schnell schmerzlichen Licht, das die Dunkelheit für einen Moment zurückdrängte. Die Narben auf meinen Armen verbrannten wie Feuer, eine oder zwei Finger an, subtil zu bluten. Ein vibrierender „Klang“ durchzog meinen ganzen Körper, als würde ich selbst zu einem resonierenden Gefäß reiner Energie.

Das Wesen, gefangen im Pentagramm und gefesselt an die Erde, wurde nun von der geballten Kraft der Hagalaz-Rune und des Turmalins erfasst. Ein unsichtbarer Mahlstrom der Zerstörung riss an ihn, zerrte es auseinander. Ein letztes, unhörbares Wimmern, das nur mein von der Trance geschärfter Geist wahrnehmen konnte, kräuselte die Luft. Dann: ein Geruch. Ein fauliger, beißender Gestank, der aus dem Boden aufstieg, als würde das Land selbst einen faulen Zahn ausspucken. Die Luft war erfüllt vom Geruch von Eisen und dem scharfen, vertrauten Geruch verbrannter Haare, von meinem Nagelopfer. Das Grauen war weg. Gelöscht.

Der Schrei hallte in der weiten Leere der Anden nach, bis er von der undurchdringlichen Garúa verschluckt wurde. Dann: Stille. Absolut. Das Glühen in meinen Augen erlosch, meine Pupillen weiteten sich wieder. Die Narben beruhigten sich langsam, hinterließen aber ein brennendes Gefühl auf meiner Haut. Ich war blass, meine Lippen waren trocken und rissig, und ein feiner Schweißfilm überzog meine Stirn. Ich fühlte mich leer, als hätte man mir einen Teil meiner inneren Substanz entzogen. Die Erinnerung an meine Mutter, die mit der zerbrochenen Kette verbunden war, war nun ein noch leeres Echo, ein schmerzhafter Hohlraum in meinem Geist, ein weiteres Fragment, das geopfert worden war. Ich würde mich müde und distanziert fühlen, als hätte ich mich von der Welt entkoppelt. Das Grauen war weg. Aber zu welchem ​​Preis? Ein weiteres Stück meiner Seele, ein weiterer Kratzer in meiner ohnehin schon zerbrochenen Vernunft.

Ich stehe noch eine Weile da, unbeweglich, ein Grinsen nur eine dünne Linie auf meinen trockenen Lippen. Der Geruch verbrannter Angst hing noch in der Luft.

Manchmal braucht man keine subtilen Andeutungen, dachte ich, meine innere Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Man braucht einen Vorschlaghammer. Einen magischen Vorschlaghammer. Und einen guten Preis, zu dem man ihn erwirbt.

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